Nicht über Sexualität kommunizieren?

Die mindestens wöchentliche Konfrontation mit Sexualität beginnt bereits an der Kasse im Supermarkt, an der sich Kondome finden; Außenwerbung wie digitale Medien präsentieren begehrenswerte Körper und die Verlockungen sexueller Attraktivität als Verkaufs- bzw. Kaufargument.

 

Die Assoziation körperlicher Nähe drängt sich unwillkürlich auf, wenn im Park ein Pärchen steht, das - völlig unschuldig - miteinander Händchen hält. Eine liebevoll zubereitete (oder erstandene) Mahlzeit kann als romantisches Dinner ein erotisches Versprechen in sich tragen. Und nicht zuletzt sind die sexuelle Aufklärung und der verantwortungsvolle Umgang mit der eigenen Sexualität fest im Schulsystem verankert, sodass auch Kinder mehr oder minder aktiv involviert werden.

 

Der Umgang mit Sexualität beinhaltet dabei nicht nur eine Aussage über die Gesellschaft als Ganzes, sondern lässt auch Rückschlüsse auf die Ausgestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen zu. In beinahe jeder alltäglichen Begegnung finden sich sexuelle Bezüge, und wenn diese fehlen, ist das auch eine Art der Kommunikation – nämlich das Thema explizit nicht zu kommunizieren.

 

Beispielsweise findet sich die Frage, ob jemand „Single“ sei, in vielen Kennenlerngesprächen wieder. Die Funktion dieser Frage kann zwischen den Gesprächspartnern unterschiedlich interpretiert werden: So könnte, ausgehend von dieser Frage, eine Ausdifferenzierung zwischen Freundschaft und potentieller Affäre/Partnerschaft stattfinden.

 

Auch Annahmen über die vermeintlichen Eigenschaften der anderen Personen, zum Beispiel als treu oder als sexuell offen, sind denkbar.

Wird diese Frage erst überhaupt nicht angesprochen, vollziehen sich für die beteiligten Gesprächspartner ebenfalls Interpretationsprozesse; eine implizite Kommunikation über Sexualität findet entsprechend trotzdem statt.

 

Denn auch wenn Sexualität als konkretes Kommunikations- oder (Medien‑)Konsumthema vermieden wird, ist dies eine klare Aussage über eben jene.

 

Es gilt der Leitspruch der Kommunikationstheorie: Man kann nicht nicht kommunizieren - denn wer beispielsweise den Fernsehkanal bei einer schlüpfrigen Szene wechselt oder in unmittelbarer Nähe der Schaufensterauslage des städtischen Erotikshops demonstrativ den Blick abwendet, vermittelt seinen Mitmenschen ebenso seine dahingehende Präferenz.

 

 

 

 

                                                                                                                                               Samanta Petraskovic/Oktober2018