Die fortwährende Suche nach dem Lebenssinn

 

„Das Leiden, die Not gehört zum Leben dazu, wie das Schicksal und der Tod. Sie alle lassen sich vom Leben nicht abtrennen, ohne dessen Sinn nachgerade zu zerstören. Not und Tod, das Schicksal und das Leiden vom Leben abzulösen, hieße dem Leben die Gestalt, die Form nehmen. Erst unter den Hammerschlägen des Schicksals, in der Weißglut des Leidens an ihm, gewinnt das Leben Form und Gestalt.“ (Viktor Frankl, 1905-1997)

 

Wurden Sie schon einmal von innerlicher Wut und Verzweiflung überwältigt und tappten regelrecht im Dunkeln? Oder haben Sie gar einmal Ihr eigenes Dasein als sinnlos und unerträglich empfunden und haben mit dem Gedanken, dem Elend ein Ende zu setzen, gespielt? Suchten Sie schon mal verzweifelt nach dem verlorenen Sinn Ihres Lebens? Oder kennen Sie jemanden, der sich so gefühlt hat? Sie werden feststellen, dass die Konfrontation mit der Frage nach dem Lebenssinn einen zum Teil sein ganzes Leben begleitet.

 

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist tatsächlich eine der am häufigsten gestellten, mit der seelisch Zerrüttete den Arzt aufsuchen. Selbstverständlich gibt es Lebensabschnitte, in denen die Frage nach dem Sinn des Lebens einen besonders vehement plagt, wie Pubertät, in der Lebensmitte und in Krisenzeiten. In den Reifejahren wird die Sinnfrage meistens mit einem Schicksalsschlag aufgerollt. Fast jeder von uns hat harte Zeiten im Leben gehabt, wurde mit Situationen konfrontiert, die ihn an den Abgrund seiner Kräfte und Möglichkeiten getrieben haben – in ein depressives Tief, wo alles keinen Sinn mehr macht und einem alles zu viel ist. Manche zerbrechen daran und, getrieben in die Enge, finden sie in dem Selbstmord den einzigen für sie sinnvollen Ausweg. Andere gehen scheinbar mit neu gewonnener Stärke und Erfahrung aus der emotionalen Ebbe heraus.

 

Beim Scheitern einer Ehe bzw. Beziehung fallen beide Parteien häufig in ein emotionales Vakuum, in dem sie sowohl ihren bisherigen Lebensweg und Urteilsvermögen hinterfragen, Zukunftsängste empfinden, aber auch ihre Wertvorstellungen und Ziele unerfüllt sehen. Sehr oft münden Trennungen in einer starken Depression und der Suche nach dem neuen Lebenssinn.

 

Jeder Mensch, solange er lebt, hinterfragt den Sinn seines Lebens. Wenn die Sinnfrage unbeantwortet bleibt, kann sie einen aus der Bahn werfen. Viktor Frankl (1905-1997), ein österreichischer Neurologe und Psychiater, hat die Sinnfrage in der Psychotherapie wie kein anderer revolutioniert. Er stellte fest, dass die Sinnfrage weder an Alter, Geschlecht oder Kultur, noch an die Bildungsschicht gebunden ist. Ebenso wenig ist diese Frage ein Ausdruck von etwas Krankhaftem, vielmehr ist sie ein „Ausdruck des Menschlichsten im Menschen“. Jedes Individuum hinterfragt den Sinn seiner Existenz, da es in der Bestrebung seine Ziele zu verwirklichen unter dem Druck von Werten steht.

 

Die psychotherapeutischen Behandlungsformen der Logotherapie und Existenzanalyse nach Frankl nehmen insbesondere das existenzielle Streben des Menschen nach dem Lebenssinn, als dessen primäre Motivationskraft, in den Blick. Während die Logotherapie sich um die Bewusstmachung des Geistigen bemüht, versucht die Existenzanalyse als eine Spezifikation der Logotherapie, den Wesensgrund der menschlichen Existenz zu erforschen. Damit ist die Logotherapie sinn- und die Existenzanalyse personenzentriert. Frankls Sinnbegriff ist aus heutiger Sicht veraltet, da dieser weitestgehend in der Metaphysik und Theologie verhaftet bleibt. Nach seiner Theorie ist das Problem der Sinnfindung ein Problem der Wertfindung, da in dem Sinnvollen alle Werte zusammenlaufen. Dieses Sinnverständnis wird von depressiven Menschen, die augenblicklich keine Werte besitzen, aufgrund eines aufzwingenden und moralisch-auffordernden Charakters als sehr leidvoll empfunden. Nichtreligiösen Menschen erscheint das logotherapeutische Sinnverständnis ebenfalls als emotional kalt.

 

Die existentielle Therapie dagegen richtet ihre Aufmerksamkeit auf das Erleben und die Gestaltung der unmittelbaren Lebenssituation, ohne Anspruch auf einen übergeordneten Sinn zu erheben. Im Rahmen der Therapie soll das Verständnis des Betroffenen für sich selbst gefördert und die Umwelt zugänglich gemacht werden. Im Vergleich zur Logotherapie entlastet die existentielle Therapie vom moralischen Gebot, da Werte nur als Orientierungshilfen und Sinn als ein Hilfsmittel für die Lebensgestaltung betrachtet wird.

 

An dieser Stelle fragen Sie sich sicherlich, wie geht man mit einem verzweifelten Menschen um, dem auf seinem Weg der Sinn für das Leben abhanden gekommen ist? Meistens laufen jegliche Aufmunterungsversuche oder Gespräche über den imaginären Lebenssinn ins Leere. Man bekommt bloß ein müdes Abwinken als Reaktion, da die Betroffenen jegliche Hoffnung und Lebensmut verloren zu haben scheinen. Laut Alfred Längle hat der Mensch in diesem Zustand nur noch einen letzten Wert – er findet es wert über seine Situation zu reden. Längle empfiehlt in diesem Fall sich auf das bloße Seinserlebnis, das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Der Zuhörer muss bereit sein mit dem Betroffenen eine Beziehung im Hier und Jetzt einzugehen, die Verantwortung zu übernehmen und Hoffnung zuzulassen. Ausgehend von der Maxime: „Ich bin, und dass ich bin, ist an sich schon gut“ wird der Betroffene sich seines eigenen Grundwertes bewusst – der Tatsache, dass die Menschenwürde, unabhängig von Fähigkeiten, sozialer und beruflicher Stellung, Begabung oder Gesundheit allein in seinem Dasein begründet ist! Das Seinserlebnis stellt für die Betroffenen die letzte noch völlig offene Realität natürlichen Ursprungs dar. Die anschließende Richtung wird durch die Werte bestimmt, deren Verwirklichung immer als sinnvoll und erfüllend empfunden wird. Es ist hilfreich, dem Leidenden begreiflich zu machen, dass Sinnempfinden dynamisch und damit an das Hier und Jetzt gebunden ist. Denn durch die Verwirklichung seiner Selbst auf dem Weg der Selbstwerdung wird eine neue Welt geschaffen.

 

Wenn Sie Schwierigkeiten haben sich mit Menschen aus Ihrer Umgebung auszutauschen, stehe ich Ihnen neben vielen Selbsthilfegruppen, zur Verfügung. Sie sind mit Ihren Problemen und Ängsten nicht allein, sprechen Sie mich gerne an!

 

Samanta Petraskovic / 15-02-2018

Literatur

 

  1. FranklV. Ärztliche Seelsorge: Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Wien: Deuticke Verlag; 2005
  2. BoeschemeyerU. Die Sinnfrage in Psychotherapie und Theologie: Existenzanalyse und Logotherapie Viktor E. Frankls aus theologischer Sicht. Berlin, New York: De Gruyter; 1976 (Reprint 2011)
  3. LängleA. Erfüllte Existenz: Entwicklung, Anwendung und Konzepte der Existenzanalyse. Wien: Facultas Universitätsverlag; 2011
  4. LängleA, BürgiD. Wenn das Leben pflügt: Krise und Leid als existentielle Herausforderung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; 2016